3. Dezember 2019

Interview mit Andrea Ruckstuhl zum Thema Lehrvertragsauflösung

Nach unserem Blog-Beitrag zum Thema Lehrvertragsauflösung konnten wir ein Interview mit Andrea Ruckstuhl von Job Caddie führen. So erhalten Sie einen noch tieferen Einblick in das Thema sowie wertvolle Tipps vom Experten. 

Zur Person: Andrea Ruckstuhl ist seit 7 Jahren in der Geschäftsleitung von Job Caddie Zürich. Durch seine Zeit als Leiter der Jugendstelle des Kaufmännischen Verbands Schweiz konnte er erste wichtige Erfahrungen im Bereich der Berufsbildung sammeln. Bei Job Caddie ist er für die Aufnahmegespräche mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen und der Zuweisung einer Mentorin oder eines Mentors verantwortlich. Andrea unterstützt die Mentoren/innen fachlich und organisatorisch während dieser Zeit. Gleichzeitig ist er auch für die Öffentlichkeitsarbeit und neue Projekte von Job Caddie verantwortlich.

 

Yousty: Gibt es heute mehr Lehrvertragsauflösungen als vor 20 Jahren? 

Andrea Ruckstuhl: Studien zeigen auf, dass die Auflösungsquoten über die Jahre bzw. Jahrzehnte (Datengrundlagen, die Vergleiche zulassen, gibt es mindestens in einzelnen Kantonen zurück bis ins Jahr 1995) über alle Berufe hinweg gesehen stabil sind. Die Quoten liegen bei gut 20%. Das heisst, dass rund jede/r fünfte Lernende die Lehre in einem anderen Betrieb abschliesst, als in jenem, in dem sie/er sie begonnen hat.

Zwischen den einzelnen Berufen gibt es beträchtliche Unterschiede: es gibt Berufe, in denen die Auflösungsquote deutlich unter 20% liegt (in einzelnen „exotischen“ Berufen sind die Quoten tiefer – das hat aber mit sehr kleinen Lernendenzahlen zu tun in diesen Berufen) und solche Berufe mit Quoten über 30% (z.B. im Baugewerbe, im Gastrobereich, im Friseurgewerbe und in der Schönheitspflege).

Ebenfalls einen Unterschied gibt es zwischen den Kantonen: in kleinräumigen Kantonen ist die durchschnittliche Quote deutlich tiefer als in städtisch geprägten.

 

Yousty: Wieso ist eine Auflösung heutzutage "normal" geworden?

Andrea Ruckstuhl: Ist sie das? Ich erlebe laufend Lernende bei Job Caddie, die nach einer Lehrvertragsauflösung völlig verzweifelt sind. Die glauben, es gebe keine berufliche Zukunft mehr für sie. Die glauben, sie seien die einzigen, denen so was passiert ist. Sie sind überzeugt, es nehme sie nach einer Lehrvertragsauflösung bestimmt kein Lehrbetrieb mehr auf.

Daneben gibt es tatsächlich auch Lernende, die eine Lehrvertragsauflösung nicht als die absolute Katastrophe empfinden. Entweder weil sie wissen, dass solche Auflösungen recht verbreitet sind und/oder weil sie wissen, dass i.d.R. ein Wiedereinstieg nach einer Auflösung mit hoher Wahrscheinlichkeit klappt.

Übrigens machen wir die Erfahrung, dass die Eltern eine Lehrvertragsauflösung oft als dramatischer erleben als die Lernenden selber. Vor allem jene Eltern, welche die Berufsbildung, deren Mechanismen, die Unterstützungsangebote und die verschiedenen Möglichkeiten für einen Wiedereinstieg nicht gut kennen.

 

Yousty: Was ist der Unterschied zwischen einer Lehrvertragsauflösung und einem Lehrabbruch? 

Andrea Ruckstuhl: Im ersten Fall wird der Vertrag im einen Lehrbetrieb aufgelöst und die Lehre wird in einem neuen Betrieb fortgesetzt. Im zweiten Fall steigt ein/e Lernende/r effektiv aus dem Berufsbildungssystem aus, sprich sie/er setzt die Lehre nicht mehr fort.

Dabei gibt es Lehrabbrechende, die eine schulische Lösung finden und statt einer Lehre z.B. eine Handelsschule besuchen. Weil diese nicht als Lehre erfasst wird, fallen die Betreffenden aus der Lernendenstatistik raus, werden also als Lehrabbrechende erfasst. Aber es gibt leider durchaus Lernende, die nach einem Lehrabbruch keine weitere Ausbildung absolvieren.

Sie suchen sich dann i.d.R. einen Job als Ungelernte/r. Das mag im Moment nicht mal so eine schlechte Lösung sein (oft verdient man als ungelernte/r Mitarbeiter/in deutlich mehr als in der Lehre), aber auf die Dauer gesehen laufen Lehrabbrechende Gefahr, in prekären Arbeitsbedingungen zu verharren.

 

Yousty: Welche Massnahmen kann ein Lehrbetrieb treffen um eine Vertragsauflösung zu verhindern? 

Andrea Ruckstuhl: Die wichtigste scheint mir, im Betrieb als Ganzem der Ausbildung von Lernenden einen wichtigen und bewussten Stellenwert beizumessen. Das bedeutet konkret, dass den Berufs- und Praxisbildner/innen für ihre Ausbildungs- und Betreuungsaufgabe angemessen viel Stellenprozente eingeräumt werden sollten. Fachleute gehen davon aus, dass über alle Lehrjahre hinweg gesehen die Betreuung einer/s Lernenden etwa 20 Stellenprozente beansprucht.

Die Ausbildung wichtig nehmen heisst für einen Lehrbetrieb auch, einen Ehrgeiz zu haben (oder entwickeln), möglichst kompetente Fachleute ausbilden zu wollen. Wer in die fachliche Ausbildung und in die menschliche Betreuung investiert, läuft weit seltener Gefahr, dass ein Lehrvertrag aufgelöst wird.

So viel zu den Massnahmen auf Ebene „Haltung“. Dann gäbe es natürlich Dutzende von alltäglichen Massnahmen (angefangen von adäquaten Zielvorgaben bis zu professionell geführten Mitarbeitendengesprächen), welche dazu beitragen, Auflösungen zu verhindern.

 

Yousty: Inwiefern sollten auch die Eltern oder Erziehungsberechtigte involviert werden?

Andrea Ruckstuhl: Bei Minderjährigen ist es sinnvoll und angebracht, Erziehungsberechtigte (welche ja auch den Lehrvertrag mit unterschrieben haben) zu involvieren. Empfehlenswert ist es, die Erziehungsberechtigten nicht erst dann einzubeziehen, wenn etwas schief läuft, sondern den allgemeinen Kontakt zu pflegen.

Selbstverständlich ist es wichtig, gerade in der heiklen Phase der Adoleszenz, in der Lernende nebst der Lehre noch ganz andere Herausforderungen zu bewältigen haben, den Einbezug mit Augenmass und in Absprache mit den Lernenden zu gestalten. Erfahrungsgemäss wenig erfolgsversprechend ist es, wenn Lehrbetrieb und Erziehungsberechtigte „gegen“ Lernende eine Front aufbauen.

 

Yousty: Wann sollte man mit dem Amt Kontakt aufnehmen?

Andrea Ruckstuhl: Lieber einmal zu früh als zu spät… Die Erfahrung zeigt, dass viele Lehrbetriebe mit der Kontaktaufnahme so lange zuwarten, bis die Situation so verfahren ist, dass es kaum mehr Lösungsmöglichkeiten gibt. Gemäss Auftrag der kantonalen Berufsbildungsämter können sich sowohl Lernende/r als auch Lehrbetriebe jederzeit an die Person im Berufsbildungsamt wenden, welche den Lehrvertrag damals genehmigte. (Im Kanton Zürich heissen diese Personen Berufsinspektor/innen). Zum Beispiel, um vertraulich eine rechtliche Frage zu klären oder um einen runden Tisch in Anwesenheit der Person des Berufsbildungsamt zu bitten.

 

Yousty: Inwiefern kann man durch eine gründliche Rekrutierung eine Lehrvertragsauflösung verhindern?

Andrea Ruckstuhl: Verhindern kann man Auflösungen bestimmt nie. Und es macht auch keinen Sinn, alle Auflösungen verhindern zu wollen. Es gibt Situationen, in denen Lernende erst im konkreten Arbeitsalltag wirklich merken, dass die Berufswahl wohl nicht richtig war. Und dann macht es Sinn, einen Vertrag (im Idealfall in der Probezeit) aufzulösen.

Aber selbstverständlich kann ein Lehrbetrieb mit einer sorgfältigen Rekrutierung massgeblich dazu beitragen, dass die/er künftige Lernende im Vorfeld möglichst genau Bescheid weiss, worauf sie/er sich einlässt. Besonders wichtig ist es gerade bei Lernenden darauf zu achten, ob sie sich später voraussichtlich im Team wohlfühlen werden. In sehr vielen Fällen von Lehrvertragsauflösungen spielt das Thema der aufgetretenen zwischenmenschlichen Probleme eine grosse Rolle.

Es ist wichtig, für eine gute Ausbildung zu kämpfen. Ist die Situation jedoch so verfahren, dass Betrieb und Lernende unglücklich sind, macht eine Auflösung durchaus Sinn. 

Job Caddie gibt es in Bern, Zug und Zürich. Hilfesuchende können sich jederzeit an Job Caddie wenden. 

Mit unserem Faktenblatt erhalten Sie konkrete Ideen, wie Sie einer Lehvertragsauflösung entgegenwirken können. 

 

Faktenblatt Lehrvertragsauflösung downloaden

 

Robin Villoz

Robin spricht die Sprache der Jugend und weiss, worauf Lehrbetriebe in der Rekrutierungsphase achten sollten

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